Der Regen ist die Heimat

Der Regen ist die Heimat

(Videotext)

სიყვარული რომ შევიგრძნო, უნდა მომენატროს. Um Liebe zu spüren, muss ich vermissen. Um zu vermissen, gehe ich fort. Meine Heimaterde muss ich nicht jeden Tag berühren – die Heimat fühle ich überall, sie ist in mir.

Ich kann keinen Baum pflanzen, keine Kinder gebären, keine Verantwortung übernehmen. Wenn das Fernweh kommt, verreise ich. Nicht einmal eine Blume habe ich je gepflanzt. Und wenn ich eine geschenkt bekomme, geht sie ein. Zum Abschied schenkte mir meine Lieblingsgruppe eine Orchidee.

Das Fernweh kam, dieses Wort gibt es in meiner Sprache nicht. Ich reiste ab und ließ die Blume ohne Wasser zurück.

Nach vier Wochen kehrte ich Heim. Dort stand sie auf meinem Schreibtisch, ihr Körper erblüht in voller Schönheit, gekleidet wie eine Braut.

„Bist du verliebt?“ lächelte ich sie an. Sie senkte den Blick. Ich freute mich für sie und gab ihr reichlich Wasser. Drei Tage später neigte sie den Kopf. „Hast du Liebeskummer?“ fragte ich. Sie antwortete nicht. Sie ging einfach davon. In meiner Anwesenheit verwelken die Blumen.

Als ich Angst vor dem Sterben hatte, flog ich ans Meer.

Nachdem ich überlebt habe, ging ich zu ihm.

Wie ich es kennenlernte? Es war Liebe auf den ersten Blick.

Blauäugig war es, mit warmem  Körper und glänzendem Haar. Ich war 32, es verriet mir sein Alter nicht. Kurz tauchte es in der Kurve auf, blickte mir mit seinen veilchenfarbenen Augen direkt in mein erstauntes Gesicht und verschwand wieder. Als ich die Kurve genommen hatte, sah ich es vollständig. Mir blieb der Atem weg. Ich zog mein weißes Leinenkleid aus und ging hinein. Ich küsste es auf das Haar und warf mich in seine Arme. Es schmeckte salzig und roch nach Freiheit. Seitdem besuche ich es jedes Jahr.

Wenn ich nichts fühle, kann ich nicht schreiben. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich nichts. Sobald der Regen kommt, beginne ich wieder zu schreiben. 

Der Regen ist die Heimat. Wenn es im Sommer in Wien regnet, rieche ich die feucht-heiße Erde Georgiens. 

Ich bin eine Sammlerin – ich sammle Regentropfen. Ich halte meine Hände, zu einer Schale geformt, unter den Regen.

Ich sammle sie in meinen geschlossenen Handherzen. Gibt es dieses Wort in deiner Sprache nicht? ხელის გული, so heißt es in meiner. Um mir später die Haare zu waschen, sammle ich sie auf: წვიმის წვეთები – die Regentropfen.

Früher habe ich schöne Kleider geliebt, getanzt, gefeiert, mich geschminkt. Heute liebe ich nur noch das Meer und die Blumen. Das Meer bleibt mir oft fern. Blumen besitze ich keine. Die einzige Blume, die ich habe, darf kein Licht sehen – ich habe sie eingesperrt.

Eine andere Blume, die mir einst gehörte, habe ich vor langer Zeit in Berlin beerdigt, ich  versuche sie zu vergessen. Um zu vergessen, muss ich mich erinnern, რომ დავივიწყო უნდა გავიხსენო, so vergesse ich nichts.

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